David
Gilmour wird 60
Von Edo
Reents

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David Gilmour kann von sich sagen, daß er zu denen gehört, die den Punk erst möglich gemacht
haben. Es war Johnny Rotten von den "Sex Pistols",
der sich Mitte der siebziger Jahre in einem zerrissenen T-Shirt mit einem
"Pink Floyd"-Aufdruck sehen ließ, das den
in gelber Farbe handgemalten Zusatz "I hate"
trug. Es hätte Rottens späterer Geständnisse nicht bedurft, daß er einige "Pink Floyd"-Platten
durchaus gemocht habe, damit man hier den Topos eines Generationenkonflikts
erkennt, der in der Rockmusik nicht anders ausgetragen wird als in der
Literatur. Unwillkürlich denkt man an Brechts Bekenntnis zu Thomas Mann:
"Seine Kurzgeschichten fand ich eigentlich immer ganz gut." Zu hassen gab es an David Gilmours
Band "Pink Floyd" jedenfalls eine Menge, nicht nur für Johnny
Rotten; aber dieser Haß verdankte sich auch dem
Neid. Das englische Quartett, dessen Kopf, Sprecher, Sänger und Komponist
Roger Waters war, betrieb seit seiner bis heute erfolgreichsten Platte "Dark Side Of The Moon" von
1973 einen Gigantismus, in dem sich der Gitarrist Gilmour nicht nur aufgrund
seines blendenden Aussehens überaus passend ausnahm. Der ehemalige dressman, der in Cambridge geboren wurde, pflegte
insgesamt einen Stil, der von vielen Kritikern argwöhnisch belauscht und
beobachtet wurde. Federleicht Die elegischen und brachialen Töne, die er mit
seiner Fender Stratocaster produzierte, vervollkommneten das aufs Breitwandformat ausgerichtete
Konzept der Band; seine bisweilen teilnahmslos-blasierte Art nährte freilich
den auch insgesamt auf die Band gerichteten Verdacht der gediegenen Hohlheit.
Tatsächlich frisierte Gilmour Epen wie "Shine
On You Crazy
Diamond" mit Sphärenklängen melodramatisch auf und spielte einen der
berühmtesten Songs, "Wish You
Were Here" von der
gleichnamigen 1975er Platte, in eine Folksensibilität hinein, welche die
Kopflastigkeit, die sein Feind Rogers der Band verordnete, erträglich machte.
Welcher Session-Mann an ihm verlorenging,
hörte man 1999 auf der Platte "Run Devil
Run", mit der Paul McCartney den Witwerschmerz verarbeitete. Federleicht
und leicht federnd assistiert er dem Freund bei der Einspielung abgelegener Rock-'n'-Roll-Stücke. Trotzdem gehört David Gilmour zu den wenigen
weltbekannten Gitarristen, deren Bedeutung außerhalb des Handwerklichen
liegt. Als langjähriges Mitglied einer Gruppe, die, so könnte man
übertreibend sagen, den Soundtrack eines Jahrzehnts lieferte, gehört er quasi
automatisch zum Popadel. Daß "Pink Floyd"
sich mit dem Erfolg von "The Wall" seit
1979 selbst als lebende Tote beerdigten, hat er geduldet. Inzwischen sieht es
der schwerreiche, freigebige Vater von acht Kindern, der auf seinem Hausboot
auf der Themse und in Sussex lebt, mit einem ironischen Abstand, den nicht
jeder in diesem Beruf hat. Die Band habe bei ihrem Versuch, aus der
Konfektionsfalle herauszukommen und neue Wege zu beschreiten, eben den Mut
gehabt, sich zu blamieren, hält David Gilmour sich und einer großen
Band-Vergangenheit zugute. Heute wird er sechzig Jahre alt. |
© Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.03.2004, Nr. 56 / Seite 39
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