David Gilmour Konzert

 

Pink Floyd ist tot – Und David Gilmour gibt in London höchst seltsame Kammerkonzertabende

 

Alexander Gorkow

 

Mit dem wahren Reichtum stellt sich bei Menschen, denen es an Stil nicht mangelt, die Sehnsucht ein, Ballast abzuwerfen. Diese Menschen wollen recht eigentlich: verschont werden. Von Lärm, Aufwand, Gesinnungshuberei und allerlei prätentiösem Quatsch

 

Der Pink Floyd Gitarrist David Gilmour war einmal ein stiller und schlauer Hippie, dem man nicht nur entrückte Schönheit zusprach, sondern auch eine englische Form von Arroganz oder vielleicht auch nur understatement, so sicher war man sich da nie. Heute ist David Gilmour ein weißhaariger und stämmiger Herr von mehr als Mitte 50, dem es, so viel kann gesagt werden, an Stil nicht mangelt: Er kocht gerne und gut, was man ihm ansieht. Er bewohnt abwechselnd sein Turn of the Century -Mahagony-Hausboot nahe des Schlosses in Hampton sowie seinen Landsitz in Sussex. Er fliegt, wenn er nicht gerade in seinem Hausboot-Musikstudio auf der Gitarre herumzupft, mit antiken Privatflugzeugen durch die Sommerfrische.

 

» Wer als Teenager nach Genuss von David Gilmour’s monströsem Fender-Stakkato mit Nervenflattern aus der „The Wall Show“ wankte und für einige Tage den Schulbesuch verweigerte, der sinniert heute über Sein und Zeit, wenn derselbe David Gilmour zur Akustischen „Je croix entendre encore“ aus Bizets „Perlenfischern“ anstimmt. «

 

Gerne setzt er einige seiner zahlreichen Kinder in den Flugzeug-Fond, dass sie was sehen von der englischen Welt und dass sie die schöne junge Gattin Polly Samson, die ihm jüngst seinen insgesamt achten Sprössling gebar, an ihrer vielversprechenden Karriere als Schriftstellerin in Ruhe weiter arbeiten lassen. Wenn David Gilmour mit seinen kleinen Gilmour’s bei erheblicher Windstärke eine Bruchlandung hinlegt, keift die Lady indes nicht groß herum, sondern ist lediglich not amused. Nachmittags wird bei Gilmour’s gerne Tee getrunken und in spitzen Worten über die dummen Torys gezüngelt.

 

Nun ja, das Leben.

 

Im übrigen aber hat sich David Gilmour die Verschlankung seiner Verhältnisse und Utopien zum Ziel gesetzt.

 

Der sensationelle Erfolg der jüngst erschienenen Pink Floyd Best Of CD Echoes, in der auf Wunsch der geldhungrigen Plattenfirma altes und verdammt altes Material verewigt ist, weckte insgesamt Hunger nach mehr. David Gilmour selbst aber antwortet auf den Einwurf eines Fans aus dem Auditorium, wann denn endlich ein neues Werk der Gruppe zu erwarten sei, mit einem feinen Lächeln und einem für seine Verhältnisse ungewöhnlich rustikal hingenäselten: „Who gives a fuck?“

 

Schlagzeilen machte der Musiker vor einigen Tagen, in dem er eines seiner Londoner Häuser für 4 Millionen Pfund an Lady Dianas Bruder Earl Spencer veräußerte und das Geld einem Charity Trust für Obdachlose spendete. Reich hin oder her, wie er darauf komme, eine so immense Summe zu spenden, wollte ein Reporter von David Gilmour wissen. Der sagte, er brauche das Geld nicht, vielmehr bereite ihm sein Vermögen eine Form von Stress, die ihm mitunter regelrecht die Laune verhagele: „Du brauchst Ferraris, dann brauchst du Garagen für die Ferraris, dann brauchst du Personal, das die Garagen mit den Ferraris überwacht. Was soll das?“ Ja, Mensch, genau.

 

Während andere Menschen auf Ferraris, Garagen und Personal von Anfang an schnöde verzichten, ist er also den steinigen Weg der Erkenntnis gegangen. Und man muss sagen: Im Januar 2002 – rund 30 Jahre nach den ersten großen Verkaufsknallern von Pink Floyd – ist er nicht nur (ein wenig) dem Postmaterialistischen verhaftet.

 

Sondern auch grundsätzlich dem Postpompösen.

 

Seine drei Solo-Abende in der Londoner Royal Festival Hall, die er jetzt trotz der hartnäckigen Weigerung, neues Material zu veröffentlichen, unter Anteilnahme weltweit angereister Fans und Journalisten, nun ja – abhielt – , umspannten nur äußerlich das Flair des Sensationellen, Ausverkauften, Nicht-zu-Fassenden. In der Form waren sie vor allem ein statement, das mit dem Wort understatement nicht hinlänglich beschrieben ist. Oder, in den Worten des begeisterten Guardian: „By Floyd- Standards, it’s a skiffle gig in a school hall.“

 

Alles war sozusagen Familie, ein Hausmusikabend im Kammerkonzertformat. Dementsprechend hatte sich der Hausherr Freunde eingeladen. Zum Beispiel den überaus liebenswürdigen und zerstreuten Pink Floyd Kollegen Richard Wright, ein Isn’t It-Engländer vor dem Herrn, der noch weißhaariger als Gilmour auf die edle Konzertbühne stakst, vor dem Klavierspielen die Finger lustig über der Tastatur lockert und dann eine Lesebrille aufsetzt, damit er die weißen Tasten besser von den schwarzen Tasten unterscheiden kann.

 

Zum Beispiel den Saxofonisten Dick Parry, der schon 1975 für die Studioversion von Shine On You Crazy Diamond blies, und der es an diesem Abend noch einmal macht, als David Gilmour das Lied ganz zu Anfang und zunächst alleine zur flirrenden, dann prasselnden Akustikgitarre leuchten lässt.

 

Sowie auch die Sängerin Kate Bush, die seit 25 Jahren kaum eine Konzertbühne betreten hat, und nun mit David Gilmour eine leise, entrückte, bewegende, eine hinreißende Version des The Wall Klassikers Comfortably Numb interpretiert.

 

Auf der Bühne versammeln sich im übrigen ein Kontrabassist, eine Cellistin, der Großtastenmeister Michael Kamen, ein sparsam ausgerüsteter Schlagzeuger – sowie ein neunköpfiger Chor, welcher keinesfalls die sonst satte Orgelei der alten Pink Floyd ersetzt, stattdessen Lieder wie High Hopes und Shine On You Crazy Diamond mit Mehrstimmigem und dem einen oder anderen Kanon anreichert, sonst aber hinten im Halbkreis steht und den Rand hält. Es ist geradezu abenteuerlich, wie sich ein Chor von sieben Frauen und zwei Männern derart zurücknehmen kann.

 

Vielleicht ist es aber auch nur das Gegenteil von Rock ’n’ Roll und Halligalli, denn insgesamt scheint David Gilmour diesem Gegenteil sowieso verfallen.

 

Er treibt es in dieser Hinsicht sogar auf die Spitze.

 

Wer als Teenager nach Genuss von David Gilmour’s monströsem Fender-Stakkato mit Nervenflattern aus der The Wall Show wankte und für einige Tage den Schulbesuch verweigerte, der sinniert heute – 21 Jahre später – ganz erheblich über Sein und Zeit, wenn derselbe David Gilmour mit Koloraturgesang zur Akustischen „Je croix entendre encore“ aus Bizets „Perlenfischern“ anstimmt. Hätte er jenen Bizet nicht so sauber über die Bühne geschaukelt, man wäre angesichts dieses gewaltigen Paradigmenwechsels und der damit einhergehenden Melancholie feixend irre geworden und geradewegs in die Themse gelaufen.

 

So aber hält der in hohem Maße schöne wie skurrile Abend auch die Erkenntnis bereit, dass es seitens von David Gilmour nichts mehr werden wird mit einer allerletzten Pink Floyd Tournee oder ähnlichen Eskapaden. Roger Waters, der im Gegensatz zu seinem Gitarristen nicht für die Schönheit, sondern für den Irrsinn in der Musik der Band verantwortlich war, träumt die alten Alpträume seit zwei Jahren auf einer immensen Welttournee alleine weiter. In diesen Konzerten kriegt man, wie man so sagt, wirklich was geboten. Große Epen, große Musiker, das ganze Kopfkino in grandiosem Ausmaß. Fehlt nur die väterliche Stimme, fehlt die Gitarre als krachende wie trostspendende Seelendroge, fehlt David Gilmour.

 

Bei David Gilmour aber fehlt nicht Roger Waters. David Gilmour hat mit dessen luzider, aber gnadenlosen Kälte nichts mehr zu schaffen. Er hat sozusagen Familie.

 

Roger Waters fehlt nicht, wenn das Publikum mit rührender Inbrunst das Finale von Wish You Were Here anstimmt, er fehlt nicht, wenn Kate Bush und David Gilmour die verteilten Rollen in Comfortably Numb wiederbeleben, er fehlt nicht in den alten, fröhlich bekifften St.Tropez - artigen Strandblues-Nummern wie Fat Old Sun von Atom Heart Mother, denen David Gilmour mit dem neuen Song Smile einfach eine lebenskluge Strandblues-Nummer anfügt.

 

Roger Waters fehlt deshalb nicht, weil David Gilmour wieder da angekommen ist, wo Pink Floyd ganz früher, lange bevor Roger Waters die Band in die Messehallen und Stadien führte und diese Spielstätten unter Stahlgewitter legte, angefangen hat: im Konzerthaus. In der Royal Festival Hall an der Themse haben sie einst, in den späten 60-ern, Teile von Ummagumma eingespielt. Seine Konzerte im Jahre 2002 gibt David Gilmour aber vor allem deshalb in der Festival Hall, weil er es danach nicht weit zu seinem Zweitwohnsitz hat. Das Hausboot liegt ja nur ein paar Meilen entfernt an der Themse.

 

Diese Hauskonzerte sind ihrer glasklaren Schönheit gleichzeitig die Krönung und das Ende von Pink Floyd.

 

David Gilmour also hat schlicht keinen Bock mehr auf das ganze Theater. Turmhohe Helium-Schweine und dicke Gummi-Muttis, die die Zuschauer mit Laseraugen löchern. Zigtausende von Fans, denen die Sicherungen durchbrennen. Schön war die Zeit.

 

Irgendwann an diesem umjubelten Abend wurde es still in der Festival Hall. Der Mann stimmte zwischen zwei Liedern ausufernd seine Gitarre. Eine junge Frau rief plötzlich laut in die Stille hinein: „David, you are my daddy!“ Da war er wieder, der alte Wahnsinn.

 

David Gilmour aber schaute nicht einmal hin, sondern weiter auf den Bühnenboden. Er zog nur sehr kurz eine Augenbraue hoch. Dann stimmte er weiter die Gitarre. Zirpzirp. Ploinploing. Eine Ewigkeit lang.

 

Dann spielte er A Great Day For Freedom

 

© Süddeutsche Zeitung