Nick Mason in
Berlin
Irgend jemand
mußte ja das Schlagzeug bedienen
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Deutsche Szene: Nick Mason, früher bei "Pink Floyd",
stellt in Berlin sein Buch vor und glänzt mit Schweigen 02.Februar 2006 Nick Mason ist da - oho! Jaja. Wer war das noch mal? Bei "Dussmann"
die Treppe runter ist es rappelvoll, Sitzreihen werden besessen und graue
Schöpfe gereckt, auch mancher Nachwuchsturnschuh steht auf der Umfriedung des
künstlichen Wasserfalls, der heute ausgeschaltet ist, damit auf seiner
glatten Lauffläche eine Projektion stattfinden kann, denn ohne Projektion ist
alles nichts, schließlich reden wir hier von "Pink Floyd". Ach ja!
Nick Mason. Nick Mason ist da der Schlagzeuger gewesen. Nick Mason hat ein
erstaunliches Buch vorgelegt, es heißt "Inside
Out" und hat einen großen Schutzumschlag, auf dem ein Mond zu sehen ist,
der über einer Wiese schwebt, sowie ein Spiegel, in dem der Mond sich noch
mal in halbierter Form präsentiert, einen wolkenverhangenen
Himmel gibt es als Hintergrund gratis dazu, und in der Ästhetik erkennt man
mit Schaudern den Geist jenes Künstlerkollektivs "Pink Floyd", das
es seit den tiefen Sechzigern unter Zuhilfenahme aufblasbarer Schweine und
wabernder Dauerbeschallung verstanden hat, die Kunstform des sogenannten Bühnenspektakels in immer neue Dimensionen zu
treiben. Auf der Rückseite ist eine Frau mit Dutt zu sehen, auf deren nackten
Körper jemand Versatzstücke der "Pink Floyd"-Ikonographie
gemalt hat und die soeben artistisch versucht, eine kleine, gemalte Glühbirne
auf ihrer rechten Wade zu betrachten. Das Buch hat auch einen Inhalt - soweit
man dieses Wort im Zusammenhang mit "Pink Floyd" verwenden kann.
Über dreihundert Seiten breitet sich ein Wortteppich aus, der einer nie
gestellten Frage nachgeht: Schlagzeuger gewesen zu sein - wie ist das so? Und
dann auch noch bei "Pink Floyd"? Sosehr diese Gruppe die Verachtung
vieler Musikliebhaber auf sich zog, so zornig der Schwulst, der Roger Waters
und David Gilmour als Urfeinde des Rock 'n' Roll
brandmarkte - so wenig hat man je auch nur eine Sekunde über Mason
nachgedacht. Irgend jemand mußte
ja schließlich das Schlagzeug bedienen. Nick Mason war zufällig am selben Ort, da Waters seine
Musikerkarriere begann, und so geriet er in den Wanderzirkus, der aus der
geplanten Rhythm & Blues-Kapelle über die
Jahre wurde. Sein Buch enthält: keinen Sex. Keine Drogen. Ein bißchen Musik. Das Dokument anschwellender Beschäftigung
mit Mikrofonaufstellungen, Soundbibliotheken, Hebebühnen und Lichttraversen, ehe auch Autorennen, langwierige
Studioumbauten, Finanzberater und Rechtsstreitigkeiten ins Spiel kommen und
man sich ernsthaft nach den Echogeräten und den aufblasbaren Schweinen
zurückzusehnen beginnt. Nick Mason ist der Antiheld. Er ist der Antibuchautor. Seine
Jahrzehnte bei "Pink Floyd" hat er in Gemütsruhe abgesessen, er
schildert sich selbst als konfliktscheu, mag niemandem etwas Böses nachsagen,
und an der ganzen Musiksache hat ihm schon gut gefallen, welche Geräusche da
manchmal gefunden und aufgenommen und irgendwie weiterverwurschtelt
worden sind. Mason rechnet nicht ab, hält nicht vor, er war dabei und doch nie
dabei. Die Buchpräsentation läuft nicht viel anders ab als ein "Pink Floyd"-Konzert. Zwar fehlen Waters und Gilmour, doch haben die klugen Veranstalter einen
ehrenvoll ergrauten Radiomoderator zur Verfügung gestellt, der souverän
monologisierend durch den Abend geleitet. Mason sitzt daneben. Und ist
zufrieden. Die Stimme des Radiomanns geht über ihn hin, wie es die selige
"Pink Floyd"-Musik immer tat, minutenlang
quellen deutsche Worte durch die Luft, dann wieder englisch umbrochene,
ungefragte Bekenntnisse des Moderators füllen den Raum: Er selbst sei ja nie
ein großer "Pink Floyd"-Fan gewesen,
jedoch seit den Siebzigern sei die Band unzweifelhaft immer dagewesen, überraschend sei der Humor des Buches, toll
sei es, wenn man sich auch mal selbst hochnehmen könne. Mit Infobrocken
zwischendurch wird Mason auf dem laufenden gehalten:
"I was talking about
irony", "You turned 62 last week!" Und
Beifall. Würdevoll führt Nick Mason seine Karriere des stoischen
Dasitzens weiter, und nur manchmal, wenn die Fragen gar zu abstrus werden,
sieht er sich zum Eingreifen gezwungen. Nie habe er eine Baßdrum
besessen, auf der ein Mann mit einer enormen Erektion abgebildet war - das
müsse der Moderator sich einbilden. Wenn er sich ein Bandmitglied aussuchen müßte für eine Insel, so nähme er Roger Waters. Aktuelle
Musik bedeute ihm nicht mehr soviel, die "Arctic Monkeys"
allerdings finde er toll, da habe er sich sogar die Platte geholt, allerdings
noch nicht angehört. Muß er ja auch nicht. |
© 02.02.2006
/ Klaus Ungerer