«Inside Out»: Die andere Pink Floyd Geschichte

 

Nick Mason, Drummer der Band Pink Floyd, hat 40 Jahre Bandgeschichte aufgeschrieben. Das unterhaltsame Buch sei seine Sicht der Dinge, betont Mason.

 

Fans von Pink Floyd haben seltenes Glück mit Schlagzeuger Nick Mason. In den rund 40 Jahren der Band hob der Mann tonnenweise Erinnerungsstücke auf - ob Fotos, Plakate oder Bühnenrequisiten. Als er sich vor einigen Jahren aufmachte, die Geschichte von Pink Floyd zu schreiben, konnte es daher kaum einen Besseren dafür geben.

 

Das Ergebnis - das mehr als 300 Seiten starke Buch «Inside Out», gepflastert mit unzähligen zum Teil noch nie veröffentlichten Fotos - erschien jetzt auch in Deutschland, ergänzt um ein Extra-Kapitel zur historischen Wiedervereinigung der Band für das «Live 8»-Konzert im vergangenen Sommer.

 

Dank der feinen Ironie, mit der Mason zurückblickt, gerät das Buch im Gegensatz zu so manchen Memoiren nicht zum langweiligen Papier-Monument für die große Band, die der Welt «Dark Side of the Moon» oder «The Wall» schenkte, sondern bleibt über den ganzen Weg eine höchst unterhaltsame Geschichte von begabten und starrsinnigen Menschen, die ihr Leben so gut wie möglich zu meistern versuchten und dabei neben berauschenden Erfolgen auch schmerzhafte Katastrophen auskosten mussten.

 

Und dann sind da noch die kleinen Anekdoten: Ob die Geschichte, wie Roger Waters mal hinter der Bühne Janis Joplin eine Flasche Schnapps für einen Schluck lieh und sie natürlich völlig leer zurückbekam, oder wie zur ersten US-Tour der dortige Veranstalter dem Bandmanager wie selbstverständlich eine Pistole aushändigte - es sind manchmal nur kleine Nebensätze, die den Geist der damaligen Zeit aufleben lassen, in der man noch an einem Abend die Kasse der gesamten Skandinavien-Tour versaufen konnte oder in rabiaten Clubs spielte, während das Blut des verletzten Schlagzeugers der Band davor auf der Bühne noch nicht getrocknet war.

 

Ausufernde Drogenexzesse

 

Fans dürften sich besonders für die Momente der Brüche interessieren. Der erste kam schon Ende der Sechziger, als die Band Sänger Syd Barrett rauswarf. Der charismatische Bandleader, der den Namen Pink Floyd erfunden und das meiste Material des Debütalbums «The Piper at the Gates of Dawn» geliefert hatte, stand nach ausufernden Drogenexzessen die meiste Zeit neben sich und eines Tages - «gefühllos wie wir damals waren» - holte die Band ihn einfach nicht zu einem Konzert ab, obwohl sie schon mit dem Auto vor der Tür standen. Die damaligen Manager von Pink Floyd entschieden sich übrigens für Barrett, der nach zwei Solo-Alben in selbstgewählter Isolation verschwand. Er höre, es gehe ihm soweit gut, sagt Mason. Einen Kommentar zum Buch gab Barrett nie ab.

 

Noch dramatischer liest sich das Kapitel über die Entfremdung mit Waters, der starken Figur hinter «The Wall» und Masons langjährigem engen Freund: Als in den achtziger Jahren die ständigen Konflikte das Klima vergifteten, machte Pink Floyd begleitet von langwierigen Rechtsstreitereien ohne ihn weiter. «Im Rückblick gesehen hätten wir uns damals sofort mit Roger einigen sollen», schreibt Mason.

 

«Außer ein paar Frauengeschichten»

 

Obwohl man es ob der lückenlosen Ausführlichkeit wie die ultimative Geschichte der Giganten des bombatischen Rock liest, besteht Mason darauf, das Buch nur sein «persönliches Porträt von Pink Floyd» zu nennen. Denn die anderen Bandmitglieder, vor allem die jahrelang erbittert zerstrittenen Roger Waters und David Gilmour, hatten zwar ihre Kommentare beigesteuert - bezeichnenderweise beide in grüner Tinte -, doch bei weitem nicht alles davon habe er beherzigt. So dass man über so manche Episode der konfliktreichen Pink Floyd Geschichte in seiner Auslegung weiterhin streiten könne.

 

Der Titel «Inside Out» sei aber ehrlich, versichert der inzwischen 61-jährige Hobby-Rennfahrer, Autosammler und Amateurpilot Mason. Er habe nichts ausgelassen, außer vielleicht ein paar Frauengeschichten. Wenn er zurückblicke, tue ihm nur eines leid: «Ich wünschte, wir hätten mehr gemacht.» (dpa)

 

Andrej Sokolow

Nick Mason: Inside Out

 

Persönliches von Pink Floyd

 

Nein es gibt keine neue Welttour mit Pink Floyd, allen Millionen-Angeboten zum Trotz. Nicht einmal eine Wiederholung der überraschenden Reunion zu Live-8 im Juli ist in Aussicht. Nein, vorerst nicht. Oder? "Who knows?" schmunzelt Nick Mason schelmisch auf Fragen dieser Art. Er ist der Drummer und hat jetzt ein Buch geschrieben über die Jahrhundert-Band. Mit persönlichen Erinnerungen.

Ein wunderbares Buch. Keines mit so ausgelutschten Geschichten eines alt gewordenen Stars, der rückwirkend die wilden Jahre glorifiziert und dabei im Pathos versinkt. Nein, es ist anders. Mason zeichnet mit Witz, Ironie und jeder Menge Anekdoten die Anfänge, Wendepunkte und die Entstehung der großen Alben nach. Und hat sichtlich Spaß beim Graben in den Erinnerungen und den Schuhkartons mit Fotos, von denen er 300 für "Inside Out" ausgewählt hat. Mit dabei auch eins aus der ganz kurzen Ära zu fünft. Mit Syd Barrett , dessen Verbannung abzusehen war, und David Gilmour, der ihn ablösen sollte. Das war im Januar 1968.

Aber eigentlich sind es die Geschichten, die Mason erzählt. Und aufklärt, dass vieles profaner und zufälliger war, als man bislang glauben mochte. "Ich habe sämtliche Referenzbücher über Pink Floyd mit einem Lächeln wieder weggelegt. Lieber Autor, das hast du dir schön ausgedacht, aber so ist es nun wirklich nicht gewesen!" Zum Beispiel ECHOES. Das Mittelteil entstand durch einen Zufall, als David Gilmour ein Wahwah-Pedal versehentlich falsch an den Verstärker anschloss. Das nächste Album... – es war fertig, nur der Name fehlte noch. Die Zeit drückte. In den Abendzeitungen fand die Band einen Artikel über einen Frau, die ein Kind zur Welt brachte, nachdem man ihr einen Herzschrittmacher eingepflanzt hatte. Der Titel des Artikels war ATOMHEART MOTHER. Und damit die schon beschlossene Kuh auf dem Cover Sinn machte, bekamen die Sätze der Atomheart Mother Suite Namen wie "Breast Milky" oder "Funky Dung".

Oder die Sprechpassage ganz am Ende von DARK SIDE OF THE MOON. Die berühmte Sequenz "There is no dark side in the moon. Matter of fact, it´s all dark" stammt vom Pförtner der Abbey-Road-Studios. Besonderes Interesse weckt Masons Sicht auf die Umbrüche. Zum einen die Trennung vom ersten Bandleader Syd Barrett, dessen Drogenexzesse ein vernünftiges Arbeiten unmöglich machten und Barrett selbst in den Wahnsinn trieben. Kein großer Krach, kein spektakulärer Rauswurf. Auf dem Weg zu einem Auftritt haben sie ihn einfach nicht mehr abgeholt. Das war's. Und später sind sie nicht mehr hingefahren.

Bedrückender das Wiedersehen im Juni 1975. Ein fetter Kerl mit kahl rasiertem Kopf und abgerissenen Regenmantel tauchte in der Abbey Road auf. Er redete zusammenhangslose Sätze... - die Band war schockiert und kannte Syd Barrett zunächst gar nicht. Dennoch war diese unwirkliche Begegnung ein Katalysator für das gerade entstehende Album. WISH YOU WERE HERE. Zum anderen dann, Anfang der achtziger Jahre, die paranoide Entfremdung von Roger Waters mit langwierigen Streit um den Namen. Waters und Gilmour wechselten danach kein Wort miteinander, bis zum Juni 2005, als die Proben für den Live-8-Auftritt begannen.

Mason verfügt über ein solch erstaunliches Erzähltalent, dass man das 350 Seiten dicke Buch vor der letzten Seite kaum aus der Hand legen mag. Und animiert, die alten Platten wieder aufzulegen. Wie war das gleich mit neuen gemeinsamen Auftritten? "Who knows..." – Ach Mr. Mason, wir hätten dagegen nichts einzuwenden.

 

08.11.2005 / Dirk Emmerich

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