Nick
Mason Interview mit Kai Müller
Wir hatten keine
Gewissensbisse
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Pink
Floyd begannen als Studienkollegen und trennten sich als Bombastrocker. Ihr
Schlagzeuger Nick Mason erinnert sich an eine schwierige Freundschaft. Nick
Mason, 62, ist der Schlagzeuger von Pink Floyd und begeisterter Rennfahrer.
Die legendäre Band löste sich 1995 im Streit auf. Zehn Jahre später
vereinigten sich die Mitglieder wieder für das Live-8-Konzert.
Von Mason erschien kürzlich ein Buch zur Bandgeschichte: „Inside
Out“ (Rockbuch). KM: Mister
Mason, Sie sind der Schlagzeuger einer der berühmtesten Bands der Welt, doch
in Ihrem Büro hängt keine einzige goldene Schallplatte. NM: Stimmt, an den Wänden in meinem
Büro hängen dafür sehr viele Bilder von Rennautos. Und ein echter
Formel-1-Wagen steht hier ja auch. KM: Was
würden Sie retten, wenn jetzt ein Feuer ausbrechen würde? NM: Diese Dinge bedeuten mir nicht so
viel. Ich würde wahrscheinlich ein paar Bücher schnappen, wenn ich dazu noch
Zeit hätte, und meinen Computer natürlich. Da sind alle meine Erinnerungen
drin. KM: Als
Sie vor 40 Jahren mit Roger Waters, Rick Wright und ein paar anderen die Band
gründeten, aus der später Pink Floyd wurde, trafen Sie sich als Freunde. NM: Ja. Obwohl Freundschaft damals
für uns etwas vollkommen anderes bedeutete als heute. Wir studierten zusammen
an der Polytechnischen Hochschule in London Architektur. Die Rockmusik hat
uns zusammengebracht. KM: Sie
wollten wirklich Architekt werden? NM: Ja, aber nur so lange, bis es mit
der Band richtig losging. KM: Sie
verdanken es Ihren Freunden, dass Sie Profimusiker geworden sind? NM: Wenn Sie so wollen. Ich glaube
nicht, dass mich irgendjemand anderes hätte überreden können, für eine Band
alles aufzugeben. Ich war einigermaßen zufrieden mit der Vorstellung, als
Architekt zu arbeiten. Natürlich war Musik interessanter, doch sie schien mir
kein sinnvoller Weg zu sein. Mit Roger zog ich allerdings ein schlechtes Los. KM: Was
heißt das? NM: Meine Eltern hofften natürlich,
dass ich mit den besten Studenten meines Jahrgangs zusammen sein würde.
Stattdessen hing ich mit diesem unengagierten Burschen herum. Nicht, dass er
faul gewesen wäre. Wenn er arbeitete, bekam er sehr gute Noten für seine
Entwürfe. Es fehlte ihm an Hingabe. KM: Schon
als Student wussten Sie: „Mit Roger zu arbeiten, war nicht einfach.“ Warum? NM: Das war keine Frage des
Temperaments. Roger strebte nach etwas anderem. Er wollte ausbrechen, aber
wusste nicht wie. So suchte er ständig Ausflüchte, um bei Vorlesungen zu
fehlen und die Seminararbeiten nicht zu machen. Ich war da viel konservativer
und hielt drei Jahre auf der Universität durch. KM: Ihre
Band spielte zunächst Blues-Stücke wie „Louie, Louie“. Erst als Syd Barret dazustieß und den Namen
Pink Floyd mitbrachte, entwickelten Sie Ihren eigenen Sound. Hatte Barrett es schwer, Sie von seinen Ideen zu überzeugen? NM: Überhaupt nicht. Wir wussten, wie
wichtig es war, ein Repertoire an eigenen Songs zu haben. Wir waren
begeistert, dass wir nicht nur einen Gitarristen, sondern einen Songwriter gefunden hatten. KM: In dem
Song „Astronomy Domine“
heißt es: „Blinding signs flap,
/ Flicker, flicker, flicker
blam. Pow, pow.“ Haben Sie das verstanden? NM: Für einen Popsong mag das
unüblich gewesen sein. Aber es entsprach genau dem, was Roy Lichtenstein in
seinen Gemälden machte. Ich glaube sogar, Syd hatte
es daher. Er zitierte Comic-Sprache, das Lautmalerische der Batman-Dialoge, die sich in rudimentären „bang“- und „pow“-Geräuschen
austobten. Auch Syds Auffassung davon, wie ein
Gitarrensolo klingen sollte, war wegweisend. Noten interessierten ihn nicht.
Er vertiefte sich in Sounds. KM: Konnten
Sie Barretts Esoterik folgen? NM: Ich wollte gar nicht. Man hat
Pink Floyd oft als Teil der psychedelischen Revolution wahrgenommen, aber bis
auf Syd hatten wir keine übersinnlichen Ambitionen.
Wir wollten eine Rockband sein. Kosmische Klänge waren ein Vehikel. Eine gute
Idee, um noch mehr Songs zu schreiben. Auch Syd
hatte irdische Interessen. Songs wie „The Gnome“
und „Bike“ sind sehr wehmütig und gehen auf
Begegnungen zurück, denen er nachtrauerte. KM: Barrett schluckte Unmengen an LSD. Wann begriffen Sie,
dass er für seine Kreativität einen hohen Preis zahlte? NM: Was wir bis heute nicht sicher
wissen, ist, ob es das LSD war, das ihn zerstört hat. Es liegt nahe, aber
Beweise gibt es nicht. Die Sache hat sich über einen langen Zeitraum
entwickelt. Und wir waren sehr damit beschäftigt, zu verdrängen, dass seine
zunehmenden Aussetzer ein Problem darstellten. Wir dachten immer: Das wird
schon wieder. So hat sich das Ganze allmählich aufgebaut. Im Sommer 1967 war
nicht mehr zu übersehen, dass Syd ernste Probleme
hatte. KM: Er war
der spirituelle Kopf der Gruppe. NM: Wir waren mehr an der
kommerziellen Verwertung unserer Musik interessiert als daran, unser
Bewusstsein zu erweitern. KM: Als
offensichtlich wurde, dass Syd Barrett
nur noch apathisch auf der Bühne stand, machte ein Psychologe die Band dafür
verantwortlich. Barrett sei von Leuten umgeben, die
unbedingt Erfolg haben wollten. Fanden Sie das auch? NM: Damals sahen wir das nicht so.
Heute besteht kein Zweifel, dass der Arzt Recht hatte. Aber wir erkannten das
nicht. Wir glaubten, der Erfolg würde auch für ihn heilsam sein. KM: Sie
hatten allerdings keine Skrupel, den Freund zu ersetzen, ohne ihm die
Wahrheit zu sagen. Freunde können furchtbar brutal sein. Ist das die Lehre
des Rock’n’Roll? NM: Da haben Sie absolut Recht. Aber
wir reden hier auch über sehr motivierte Menschen, die mit sehr viel Geld
umgehen und Verträge einhalten mussten. Wir ärgerten uns furchtbar über Syd, weil er alles kaputtzumachen schien, was wir
aufzubauen versuchten. Die Drogenexzesse und ständigen Ausfälle hatten uns
abgestumpft. Wir waren frustriert, weil wir nie vorhersehen konnten, was er
als Nächstes anstellen würde. Als wir dann eines Tages auf dem Weg zu ihm
waren, um ihn abzuholen, fragte jemand, ob wir nicht lieber direkt zum
Probenraum fahren sollten. Wir haben ihn einfach nicht mehr abgeholt. KM: Er
stand Ihnen plötzlich im Weg? NM: Nein, es ging nur mit ihm nicht
mehr weiter. Von heute aus betrachtet würde ich sagen, das Vernünftigste wäre
gewesen, wenn wir Syd ein halbes Jahr früher hätten
gehen lassen. Wir haben ihn ja nie aus der Band geschmissen. Spätestens im
Mai 1968 war doch klar, dass Syd etwas anderes für
sich wollte. Wir hätten nur sagen müssen: Okay, verzieh dich, mach, was immer
dir Spaß macht! KM: Spielte
später schlechtes Gewissen eine Rolle, als Sie Ihrem ehemaligen Frontman mit „Wish You Were Here“
ein Album widmeten? NM: Wir hatten keine Gewissensbisse.
Es war vielmehr so, dass Syd plötzlich in den Apple
Studios in London auftauchte, als die Platte beinahe fertig war. Er tauchte
vollkommen überraschend auf. Niemand hatte ihn eingeladen oder ihm erzählt,
dass wir eine neue Platte aufnahmen. Es wusste ja auch keiner genau, wo er
sich all die Jahre über aufgehalten hatte. Aber da stand er dann. Ich
erkannte ihn gar nicht. David Gilmore musste mir seinen Namen sagen, so sehr
hatte er sich äußerlich verändert. Er war wie ein Geist unter uns geraten.
Ich glaube nicht, dass es ohne ihn eine Band wie Pink Floyd gegeben hätte. Er
steuerte am Anfang so viele Ideen bei, dass wir später auch ohne ihn
weiterkamen. Klingt paradox, nicht wahr? KM: Roger
Waters übernahm das Kommando. NM: Syd
hatte unsere Songs geschrieben, war unser Sänger, Frontman
und größtes Talent. Nachdem er uns verließ, liefen wir eine ganze Weile dem
Erfolg hinterher. Es dauerte einige Zeit, bis Roger eigene Songs zu schreiben
begann. Bis „Dark Side of the
Moon“ funktionierten wir wie eine Demokratie, obwohl an Roger die meiste
Arbeit hängen blieb. Nach fünf Jahren war er so weit, ein Konzeptalbum
anzugehen. KM: Sie sagen
über Ihre Rolle innerhalb der Band: „Da Schlagzeuger einer eigenen
Gesetzmäßigkeit unterliegen, musste ich meine Existenz nie überdenken.“ NM: Weil ich mich nicht als Komponist
hervortat, hatte ich es leichter, mich dem Gang der Dinge anzupassen. Ich überließ
mich oft diesem eigenartigen kreativen Fluss innerhalb der Band. Bis heute
gehört mein Interesse mehr dem Produktionsprozess als dem Schlagzeugspielen.
Es wäre mir nie eingefallen, mit jemand anderem zu arbeiten, nicht einmal mit
Syd. KM: Pink
Floyd wurden Mitte der 70er Jahre zum Inbegriff der Gigantomanie. Der
technische Aufwand Ihrer Bühnenshows wuchs enorm. Da muss es ziemlich
aufreibend gewesen sein, Musik zu machen. NM: Im Gegenteil. Es wurde immer
einfacher. Wir waren an einen klaren Plattenvertrag gebunden und konnten es
uns leisten, viel Zeit im Studio zu verbringen. Ich habe diese Periode als
äußerst stabil in Erinnerung. Auch, weil wir sehr gut organisiert waren. Die
Gigantomanie setzte erst später ein. Lange waren wir mit einem Ford Transit unterwegs
und zwei Leuten, die unsere Instrumente betreuten. Als wir ab 1975 in die
Stadien gingen, mussten wir uns den Erwartungen von 80 000 Zuschauern
anpassen. KM: Komisch,
dass Sie trotzdem kein Popstar geworden sind. NM: Das war keine Absicht. Aber wir
haben uns auch nicht in den Vordergrund gedrängt. Als Popstar bekommst du
das, was du dir erhoffst, meist sowieso nicht. Wir stellen uns ein Leben
voller Luxus erstrebenswert vor, weil Geld angeblich alle Probleme löst. Aber
man lebt in einem Teufelskreis. Egal, wie viele Menschen dir zujubeln und wie
viele ausverkaufte Konzerte du gibst, es ist nie genug. Du fühlst dich
trotzdem überflüssig und deprimiert. KM: Hat
der Ruhm die Art und Weise verändert, wie Sie in der Band miteinander
umgegangen sind? NM: Ein bisschen. Aber wir wurden
auch älter. Was früher nur eine schöne Gelegenheit war, viel Zeit miteinander
zu verbringen, wurde harte Arbeit. Außerdem führte jeder von uns ein
Privatleben. Wir gründeten Familien, bekamen Kinder, die uns immer wichtiger
wurden, und konnten nicht mehr so unbefangen über alles reden, wie wir das
als Studenten getan hatten. Das ist, denke ich, der Preis der
Professionalisierung. Unabhängig davon hatten wir auch
Meinungsverschiedenheiten. Manchmal konnten wir uns im Studio nicht auf den Klang
eines Songs einigen. Wir haben verschiedene Fassungen erstellt und lange
darüber gestritten, welche wir nehmen sollten. Das war hart, aber kein Krieg.
Es ist sogar gut, wenn eine Unstimmigkeit dazu führt, einen Song noch besser
zu machen. KM: Sie
waren der Vermittler? NM: Ich konnte zwischen den Parteien,
Roger auf der einen Seite sowie David und Rick auf der anderen, nicht
vermitteln. Aber ich begleitete die Auseinandersetzungen wohlwollend. Weshalb
ich alle drei bis heute als meine Freunde betrachte. Obwohl wir immer
umständlich klären mussten, wer wie viel zu einem Song beigetragen hatte und
als Autor genannt werden durfte, war uns doch allen bewusst, dass das
Ergebnis größer war als die Summe der einzelnen Teile. KM: Roger
Waters verfolgte immer stärker seine eigenen politischen Visionen. In „The Wall“ und „The Final Cut“
setzte er sich mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Falkland-Krieg auseinander.
Verstanden Sie seine pazifistische Mission? NM: Roger und ich kommen aus linken
Elternhäusern. Seine Mutter war in der kommunistischen Partei gewesen, in die
auch mein Vater, ein Dokumentarfilmer, eingetreten war, um den Faschismus zu
bekämpfen. Roger hatte sich schon als Jugendlicher in Abrüstungskampagnen
engagiert. Viele seiner Überlegungen waren mir sympathisch. Seine Abrechnung
mit der Thatcher-Regierung in „The Final Cut“
entsprach vollkommen dem, was ich dachte. KM: Sie
haben nicht verhindern können, dass Pink Floyd schließlich zur Ein-Mann-Show
mutierte. NM: Wir waren zu schwach. David hat
Roger vorgeworfen, diese Schwäche bewusst auszunutzen. Denn David brauchte
sehr lange, um einen Song zu schreiben. Roger nicht. Er ging viel
zielstrebiger vor und bestand darauf, dass wir uns beeilten. David sah nicht
ein, warum er sich beeilen sollte. Roger hingegen glaubte, es werde Jahre
dauern, bevor David endlich fertig sei. Sehen sie, wir kamen nicht weiter. Es
ist unmöglich, zu sagen, wer Recht und wer Unrecht hatte. Roger strebte
eigentlich eine Solokarriere an, wagte aber nicht, den entscheidenden Schritt
zu tun. KM: Also
traten die Anwälte auf den Plan. Ein Wort wie Freundschaft muss in ihren
Ohren ziemlich skurril geklungen haben. NM: Die Verbindung zu Roger brach ab,
als er uns verbieten wollte, unter dem Namen Pink Floyd weiterzumachen. Er
wollte, dass die Band nicht mehr existierte, nachdem er sie abgeschrieben
hatte. Darüber gab es Streit. Wir anderen fanden, dass man die Band nicht
verlassen könne – und den Namen mitnehmen. Wir
sprachen lange nicht miteinander. Aber als wir uns zufällig auf einer
Karibik-Insel über den Weg liefen und wieder wie Freunde miteinander redeten,
war das für mich ein ungemein wichtiger Schritt. KM: War
die Reunion beim „Live-8“-Konzert in London eine logische Folge? NM: Überhaupt nicht. Ich war zwar
begeistert, dass es möglich wurde, David, Roger und Rick wieder
zusammenzubringen, und wir gingen auch recht pfleglich miteinander um, aber
wir hatten enorme Schwierigkeiten zu überwinden. Es war eine großartige
Geste. KM: Sie
haben sich zur Vorbereitung in Hotels getroffen? NM: Richtig: neutraler Boden. Wir
haben kein Büro mit einem großen Versammlungsraum. Und das Problem mit
Restaurants ist, dass man viel zu sehr mit Essen beschäftigt ist. KM: Bedauern
Sie manchmal, dass Sie Ihre Freundschaft mit Verträgen besiegelt haben? NM: Nein. Das hatte aber auch mit Freundschaft
nichts zu tun. Mit jemandem befreundet zu sein, ist eine verworrene Sache.
Mit manchen Leuten war ich nur kurz befreundet, mit anderen verbindet mich
eine lebenslange Sympathie, die deshalb keineswegs weniger intensiv ist. Wenn
man heiratet, schließt man auch einen Vertrag. KM: Was
ist schlimmer: eine Scheidung oder die Trennung einer Band? NM: Das hält sich ungefähr die Waage,
was Schmerz, Zorn, Enttäuschung betrifft. Es geht weniger um Sex, aber dafür
um mehr Geld. |
©
21.05.2006 / Der Tagesspiegel