CD Kritik von Flickering
Flame
Von Sascha Seiler für
Kulturzeit
07. Mai 2002

Der
vierte Wunsch
Privat wie politisch – Roger Waters variiert
Verluste Roger Waters ist ein politisch
engagierter Mensch. Seit fast zehn Jahren soll er an einer Oper über die
französische Revolution tüfteln. Ebensoviel Zeit ist seit seinem letzten
Album Amused to Death vergangen, auf dem
er die mediale Darstellung des Golfkriegs verarbeitet Und natürlich reagiert er
auch auf der jüngst erschienenen Best Of Sammlung Flickering Flame auf
den 11. September: "I don't care who owns the desert sands / My brief is
with the hydro-carbons underneath" - und schon fühlt man sich an das
Jahr 1983 erinnert, als die letzte Platte, die Roger Waters mit Pink
Floyd aufnahm den symbolischen Titel The Final Cut trug und den britischen
Einsatz im Falkland-Krieg kritisierte: "Maggie, what have we done / To
England." Das Politische ist für Roger Waters untrennbar mit dem
Privaten verbunden. Aus diesem Grund wird der Krieg auch nicht vom weit über
den Dingen stehenden Protestsänger angeprangert, wie das etwa in Bob Dylans
"Masters of War" der Fall ist, sondern aus der Sicht der
Beteiligten. Der sterbende Kanonier im Zweiten Weltkrieg, die Frauen, die
ihre Männer am Pier in Southhampton in den Krieg ziehen sehen, und der
amerikanische Farmer, über dessen Ländereien die Tiefflieger hinwegdonnern -
sie alle sind Figuren im Kosmos des radikalen Pazifisten Roger Waters, dessen Gedankenwelt sich
im Grunde nur um ein einziges, einschneidendes Ereignis dreht: den Verlust des
Vaters, der im Zweiten Weltkrieg gefallen ist. "You
never took us fishing, dad, and now you never will", singt Roger
Waters in seinem neuen Song Lost
Boys Calling. Er erinnert musikalisch stark an den "vergessenen" Song When The Tigers Broke Free,
in dem der Tod des Vaters geschildert wird. Auch fast 25 Jahre nach The
Wall ist das Trauma allgegenwärtig. Man kann über Sinn und
Zweck einer solchen Veröffentlichung streiten. Ein Mann, der lediglich drei
Platten auf den Markt gebracht hat; noch dazu Konzeptalben, auf denen der
einzelne Song nichts zählt - und dann ein Best Of? Zumal drei sehr schönen,
neuen Songs eine vollkommen überflüssige Coverversion von Knockin' on
Heaven's Door gegenübersteht und den Stücken von seinen Meisterwerken Amused to Death und The Pros And Cons Of Hitch
Hiking zuviel vom schwachen 87er Werk Radio K.A.O.S. an die Seite gestellt
wird. Aber trotzdem: Die Lieder bereiten eine große Freude beim Wiederhören. In Three Wishes,
auch auf dieser kleinen Sammlung enthalten, reibt der Erzähler an einer Flasche,
und es erscheint ein Geist, der ihm drei Wünsche verspricht: "Hm, mal
sehen", sagt der Mann. "Also ich wünsche mir, dass im Libanon
Frieden herrscht. Ich wünsche mir, dass mir jemand hilft, diesen Song hier zu
schreiben. Und ich wünsche mir, dass mein Vater da gewesen wäre, als ich ein
Kind war." Und dann erst, viel zu spät, erinnert er sich, dass seine
Frau ihn verlassen hat. Auch das ist Politik - im Privaten. |
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