Syd Barrett Tribut von Yolk
in der Lounge des NT-Areals
Von Andy Strässle

Erschienen am:
24.12.2001
Elektronische
Kinderlieder auf Acid
Es war einmal. Es war
einmal ein Mann. Er sass 1969 in seinem Zimmer oberhalb der Londoner Portobello
Road herum. Syd Barrett war arbeitslos, vollkommen pleite wie immer -
und soeben aus einer psychedelischen Band der Stunde, «Pink Floyd», herausgeflogen.
London «swingte» und komplizierter, progressiver und natürlich psychedelischer
Rock war angesagt. «Pink Floyd» hatten es
nach einer Durststrecke geschafft, von ihren Konzerten zu leben. Pech für den
Sänger und Gitarristen Syd Barrett, dass er nur selten zu den Proben ging,
Studiotermine verschlampte und zu Konzerten regelmässig zu spät auftauchte. Und spät wars am
Samstagabend: Um Mitternacht kletterten die vier Jungs von Yolk auf die Bühne
in der Lounge des nt-areals. Rund hundert Leute füllten den Saal.
Vorangetrieben von Sänger und Drummer Rémy Sträuli, wurde unmittelbar klar,
dass man in Richtung der frühen Pink Floyd gehen würde. Der Beat knallhart,
die beiden Gitarren und der Bass immer wabbermässig verzerrt, dazu die
melancholischen, von Weltschmerz erzählenden Barrett'schen Texte. Während Syd
Barrett den Blues hatte, weil er soeben aus dem Rockhimmel gefallen war, in
den seine strengen Floyd-Genossen aufzusteigen dabei waren, war er ein
verkanntes, verletztes Genie, dass zwei Alben aufnahm, die eine Art
elektrische Kinderlieder enthielten. Sie beschrieben eben,
wie es so war, betrunken und nutzlos auf dem Markt an der Portobello Road
herumzuhängen, oder sie besangen, begleitet von einfachsten Akkorden, das
unstete Liebesleben unseres verkannten Helden, der am Ende immer zum Schluss
kam, dass Mami irgendwie an allem schuld sei. Für «Pink Floyd»-Fans der
ersten Stunde blieb Syd Barrett eine Kultfigur. Denn nicht zuletzt hatte er
mit dem Bassisten Roger Waters den ersten Floyd-Hit «Arnold Lane»
geschrieben. Prompt brettern Yolk nach «Bike» auch diesen Song herunter.
Energie statt Melancholie lautet die Losung des Abends. Bei «No Good Trying»,
geschrieben von Barrett, beeindrucken Sträulis Vocals, doch die Arrangements
sind zu hölzern und monoton, als dass Raum für subtilere Zwischentöne bliebe. So vergeht denn einige
Zeit, bis die Gitarre mal ein klares, gutes Solo bekommt, welches nicht von
der allgegenwärtigen Soundwand erschlagen wird. Nach Konzept spielt Yolk
konsequent Syd-Barrett-Songs. «Octopus» von «The Madcap laughs» fehlt genauso
wenig wie die Ballade «Golden Hair», die dann auf der zweiten Platte
«Syd Barrett» war. Das mysteriöse Verschwinden des angeschlagenen Genies und
die schwere Erhältlichkeit der beiden letzten Studioeinspielungen des Ex Pink
Floyd Musikers machten ihn genauso zum Mythos wie die Songtexte, in denen es
etwa heisst: «Trip trap, up the poets creep.» Oder bei «Golden Hair», wo Syd
sein Verschwinden aus der Musikszene ankündigt, indem er singt: «Ich habe
mein Buch verlassen und singe nicht mehr.» Schliesslich
wiederholen Yolk als Zugabe «See Emily Play», das der englischen Band damals
beinahe einen zweiten Hit eingebracht hätte. Die Nacht um halb drei schimmert
wie ein rachsüchtiger dunkler Diamant, und ein erleichterter Seufzer ist
schwer zu unterdrücken, es bleibt die Erinnerung an ein Konzert, das so
progressiv gerockt hat, dass es an Holzfällerei grenzt. Es war einmal. Ein
Mann. Er sass in seinem Zimmer oberhalb der Portobello Road. |
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